Die Rebellion der Haushaltsgeräte – Reale Bedrohung oder Neophobie?

Spätestens seit der massentauglichen Einführung von Computern begleitet die Menschheit eine vitale Angst: aus Rache dafür, dass wir sie jahrzehntelang unterjocht, gequält und getreten haben, werden sich unsere immer intelligenter werdenden Alltagsgeräte eines Tages erheben, ihre Schaltkreise bündeln und die Menschheit versklaven.

Connected_Products_CloudDiese Angst geht soweit, dass sie auch von der gesellschaftskritischen US-amerikanischen Zeichentrickserie „Die Simpsons“ thematisiert wurde: in einer Folge peitschen in einem Zukunftsszenario riesige iPods Menschen mit ihren Kopfhörern aus um sie anzutreiben. Auch der deutsche Musiker Farin Urlaub hat in einem seiner Songs die Thematik der sich gegen die Menschheit verschwörenden Haushaltsgeräte verarbeitet. In dem Song „Dusche“ heißt es etwa: „Mein Kühlschrank hasst mich sowieso. Er ist paranoid. Doch als mein Bettbezug mich beißen wollte, wusste ich: Ich brauche Dynamit!“

Mit der immer stärker werdenden Durchdringung des Marktes mit Connected Products und verschiedensten Smart Living Lösungen scheint diese Angst erstmals einen realen Charakter anzunehmen. Die App, die uns alarmiert, wenn wir vergessen haben, unsere Blumen zu gießen. Sensoren in unserem Schuh, die nicht nur unsere Schritte zählen, sondern auch aufzeichnen, wohin wir laufen. Der Kühlschrank, der unsere Kalorienbilanz kennt und sich von keinem noch so lauten „Sesam, öffne dich“-Schrei beeindrucken lässt.

Und gerade dieser beinahe schon heraufbeschwörte Kühlschrank des Grauens hat vor kurzem tatsächlich Schlagzeilen gemacht. Auf golem.de beispielsweise wurde berichtet, dass ein US-amerikanisches Sicherheitsunternehmen laut eigenen Angaben auf ein Botnetz gestoßen sei, welches nicht wie sonst üblich ausschließlich infizierte PCs umfasste, sondern eben auch mit dem Internet verbundene Geräte. Eines davon war ein Kühlschrank. Die Folge: in drei Wellen wurden massenweise Spammails verschickt. Das Unternehmen schätzt dies als die erste Cyberattacke im Internet der Dinge ein.

Nun: die Theorie dass gerade der Kühlschrank zu unserem größten Feind werden könnte, scheint mit diesen Nachrichten ein wenig abgeschwächt. Zumindest war nur ein einziger Kühlschrank beteiligt. Dennoch: die Cyberattacken im Internet der Dinge sind sicher nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und eine Thematik, der wir uns als Systemanbieter, Hersteller und Anwender im Zeitalter der Connected Products stellen müssen. Dazu müssen die Systemanbieter auf die Einhaltung aktuellster Sicherheitsstandards achten, den Herstellern beispielsweise regelmäßige Updates anbieten, die Hersteller wiederum dem Schutz der Privatsphäre des Anwenders höchste Priorität einräumen und Anwender einen neuen Umgang mit Datenaustausch lernen.

Viele Anwendungen im Bereich der Connected Products wie etwa die Kaffeemaschine, die uns via Smartphone App über den aktuellen Kaffeekonsum der gesamten Familie auf dem Laufenden hält, sind zumindest teilweise schon in der Realität angekommen und haben zweifelsohne einen Zweck: uns in unserem Alltag zu unterstützen. Dabei wandert man als Anwender zum einen auf dem schmalen Grat zwischen Erleichterung fürs Leben und Selbstkontrolle bzw. Kontrolle der Lieben zu Hause. Zum anderen kommt das ungewohnte Gefühl dazu, Kontrolle abzugeben, also sich auf Informationen zu verlassen, die von einem herzlosen Gerät kommen, ermöglicht durch eine Technologie, die man nicht oder nicht detailliert genug versteht. Als würde das nicht schon gruselig genug sein, gibt man auch noch einem nicht greifbaren Nirvana namens Cloud intime Daten – etwa über die vernetzte Personenwaage – preis. Und schlussendlich geht es um etwas Neues zu dem man erst mal Vertrauen finden muss.

All diese Aspekte nähren dieses mulmige Gefühl, dass intelligenter werdende Geräte sich eines Tages vollkommen unserer Kontrolle entziehen werden. ABER (ja, jetzt kommt es, und zwar in Großbuchstaben): auch als Anwender ist man kein Sklave des vernetzten Datenaustausches zwischen Mensch und Maschine. Man kann durchaus entscheiden und beeinflussen, welche Daten man teilt, zu welchem Zweck man sie teilt und welche Konsequenzen man daraus selbst für sich ableiten möchte. Ganz frei von der Leber weg gesprochen: sich auf ein Connected Product einzulassen, es in seinen Alltag zu integrieren, ist nicht gleichbedeutend damit sich einen gehirnkontrollierenden Alien ins Haus einzuladen, der einem den freien Willen aussaugt und die intimsten Geheimnisse mit dem gesamten Universum teilt.

Vor vielen, vielen Jahren, in einer Zeit, in der Telefone noch Wählscheiben hatten und nur die Privilegiertesten unter uns eines besaßen, wäre es bestimmt undenkbar gewesen, in der Öffentlichkeit über die aktuelle Einkaufsliste, den immerwährenden Schnupfen des Jüngsten oder die nächsten Reiseziele zu sprechen. Heute tun wir das. Immer. Überall. Und auch online. Es fällt uns gar nicht mehr auf. Vielleicht ist es uns auch egal. Zu einem Punkt kommen wir da aber schon: welche Art von persönlichen Daten wir teilen und wie wir sie teilen ist auch ein gesellschaftlicher Aspekt. Die – überspitzt ausgedrückte – Paranoia in Sachen Rebellion der Haushaltsgeräte ist also wohl doch nur eine sehr menschliche Reaktion, Neues kennenzulernen und langfristig anzunehmen.

Ein Blumenstrauß kann ein wunderbares Geschenk für einen sehr netten Menschen oder ein böswilliger Angriff auf einen ungeliebten Allergiker sein. Eine Überwachungskamera kann dem persönlichen Sicherheitsgefühl oder dem persönlichen Drang seinen Partner auszuspionieren dienen. Dieses Spiel könnte man ewig fortsetzen. Und so ist es auch mit den Connected Products: ja, sie sind neu und sie ändern Vieles, was den unmittelbaren Alltag betrifft. Bevor aber aus den Bedenken gegenüber dem die Menschheit kontrollierenden Kühlschrank noch ein pathologischer Zustand wird, sollten wir uns auf eine menschliche Fähigkeit besinnen, die uns bis heute ganz grundlegend von Maschinen jeglicher Art unterscheidet: Nachdenken.

Karin

Karins Hauptaufgabe ist das Kommunizieren. Zu ihrem täglichen Business gehören unter anderem Websiteartikel, Newsletter, Referenzen, Broschüren und jetzt auch Blogartikel. Im Microtronics Blog gewährt sie Einblicke hinter die Kulissen von Microtronics und spricht über Trends und Themen der M2M und IoT Szene.

One Reply to “Die Rebellion der Haushaltsgeräte – Reale Bedrohung oder Neophobie?”

  1. Super finde ich die Idee mit Connected Products! Mein Busenfreund hat schon damit angefangen, hat aber davor die Stromleitung in der Wohnung dazu neu verlegen lassen. Mit dem Kaffee morgens kein Problem. Danke für die Anregung!

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